Auf Torejagd in Down Under
Karl-Heinz Schulze aus Hönow kickt bei der Ü80-Weltmeisterschaft in Australien
Einer, der das Toreschießen schlichtweg im Blut hat: Der 85-jährige Hönower Karl-Heinz Schulze schnürt auf dem Kunstrasenplatz Am Rosenhag bei Eintracht Mahlsdorf Woche für Woche verlässlich die Fußballschuhe. Wenn die älteren Semester dem Ball nachjagen, geht es naturgemäß etwas ruhiger zu als bei den A-Junioren, doch Leidenschaft, Einsatzfreude und Kameradschaft auf dem Platz sind unverändert hoch. Kaum ist die Trainingspartie abgepfiffen, hat der erfahrene Stürmer wieder einmal dreimal ins Schwarze getroffen – ein astreiner Dreierpack für den torgefährlichen Routinier, den auf und neben dem Feld alle nur „Schulle“ nennen.
Seine fußballerische Laufbahn begann in den Nachkriegsjahren auf den Straßen von Berlin. Geboren im November 1940 mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, kickte er als kleiner Steppke zunächst auf Straßen und Bolzplätzen, bevor er sich der BSG Stralendorf anschloss. Das Talent des jungen Angreifers fiel rasch auf, sodass im Alter von 14 Jahren der Wechsel zu Dynamo Berlin folgte. Dort durchlief er die B- und A-Jugend und schaffte schließlich den Sprung bis in die Reservemannschaft. In dieser Zeit stand er an der Seite bekannter DDR-Fußballgrößen wie Günter „Moppel“ Schröter oder Martin Skaba auf dem Rasen. Trotz Siegprämien von etwa 150 Mark handelte es sich damals um reine Amateure. Ein unvergessliches Highlight jener Tage bleibt eine Reise mit der U18-Auswahl ins Trainingslager nach Ungarn, wo die Mannschaft im Stadion von Dózsa Budapest auflief.
Nach anderthalb Jahren Grundwehrdienst bei der NVA und Einsätzen in der Regimentsauswahl hängte Schulze die Fußballschuhe mit Mitte 20 vorübergehend an den Nagel. Der Beruf besaß nun Vorrang: Er legte seine Prüfung als Elektromeister ab, übernahm die Leitung eines großen Pankower Betriebes mit rund 100 Beschäftigten und steuerte das Unternehmen erfolgreich durch die turbulenten Wendejahre.
Erst im Jahr 2002 feierte Schulze bei Hertha BSC sein großes Comeback im Seniorenbereich. Mit den West-Berlinern sammelte der Hönower in den Altersklassen Ü60 und Ü70 Berliner Meisterschaften sowie Pokalsiege am Fließband und übernahm zeitweise auch die Verantwortung als Trainer der Mannschaft. Bis heute hält er sich neben dem wöchentlichen Platztraining im Fitnessstudio fit und verpasst kaum ein Heimspiel im Berliner Olympiastadion.
Zuletzt stand für den Athleten der absolute Höhepunkt seiner bisherigen Karriere an: Die Berufung in die deutsche Ü80-Nationalmannschaft. Vom 12. bis 16. Oktober reiste die Auswahl ins australische Brisbane, wo die Senioren-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde. Das Turnier verlangte den betagten Sportlern einiges ab, war jedoch bestens organisiert. Gespielt wurde im Modus Acht gegen Acht auf verkürztem Spielfeld über zweimal 30 Minuten. Zum Schutz der Gesundheit galt ein klares Regelwerk: Grätschen am Mann war strengstens untersagt, gewechselt wurde fliegend, und ein mitreißender Teamarzt betreute die Mannschaft vor Ort.
Die Kosten für den Trip nach Down Under trugen die Spieler weitgehend selbst, da Verbandszuschüsse gering ausfielen; immerhin stellte der DFB die Trikots bereit. Gemeinsam mit vier weiteren Berliner Akteuren blickte Schulze den Vorrundenduellen gegen die USA, England, Australien und Auftaktgegner Japan optimistisch entgegen. Nach Vorbereitungscamps in Ruppertshofen und Wehlen stimmte der Teamgeist im Kader perfekt. Bei Redaktionsschluss lagen noch keine Ergebnisse vor. Darüber berichten wir in der nächsten Ausgabe.